Zensurdebatten: Kunst, du Opfer

Analyse: Kunst wird abgehängt, ein Gedicht übermalt. Bedenklich ist aber etwas ganz anderes.

Wie aufregend! Gleich zwei Mal durfte man sich in den letzten Wochen an die Kunstfreiheitsverteidigerbrust schlagen und Zensur rufen.

Ein Museum in Manchester hängte ein Bild ab, das nackte Nymphenbrüste zeigt. Und eine Berliner Hochschule will ein seit sechs Jahren auf einer Hausfassade zu lesendes Gedicht übermalen, weil es als diskriminierend gegenüber Frauen verstanden werden kann.

Das lässt, vor allem für den ständig aufregungsbereiten Social-Media-User, nur einen Schluss zu: Die politisch Korrekten wollen uns die Kunst verderben!

Wie bestellt, so geliefert: Heimische Autoren von der Nobelpreisträgerin abwärts wandten sich gegen die „Kulturbarbarei“, wie die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters auch gleich pflichtbewusst festhielt. Der Dichter selbst, Eugen Gomringer (93), äußerte sich ebenfalls entsprechend.

Und wütende Kommentatoren kritisierten das Verschwinden des Nymphenbildes als Zensur. Nach viel Aufregung hängte die Manchester Art Gallery das Bild „Hylas and the Nymphs“ von John William Waterhouse wieder auf. Die Brüste sind zurück, die Alten Meister auch im Kunsthistorischen Museum sicher vor wildgelaufenen Gutmenschenzensoren.

Lesen bildet

Abendland gerettet? Leider nein. Ziemlich im Gegenteil.

Vor allem die Diskussion um das Gemälde aus dem Jahr 1896 dokumentiert etwas überaus Beunruhigendes: Die sozialmedial unterfütterte Weigerung nämlich, gesellschaftspolitische Fragen in ihrer Komplexität zu erfassen. Die Aufregung um die Nymphen war ein purer Überschrifteneklat, weil es keiner der Diskutierenden über den Titel der Nachrichtenmeldungen hinaus geschafft hat. Im weiteren Text wäre erklärt gewesen, worum es eigentlich ging, nämlich um das Gegenteil dessen, worüber man sich aufregte. Die Abhängung sollte nämlich genau das thematisieren, was ihr dann entgegengehalten wurde: Dass andauernd fremdbestimmt wird, welche Kunst wir sehen, und dass die dazugehörigen Mechanismen im Dunklen bleiben. Auch, dass Kunst niemals frei von zeitlichem Kontext entsteht und auch nicht angeschaut wird.

Die Abhängung sollte eine Diskussion über Kuratorenmacht und Kunst und Geschichte anregen.

Das Resultat: Man rief nach einer Rückkehr der Brüste. …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

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