Martin Ondaatjes „Kriegslicht“: Wir wachsen alle wie Kuckuckseier auf

Die Eltern des Erzählers verlassen ihn und seine Schwester. Geschäftliche Gründe, heißt es. In Wahrheit arbeiten sie für den britischen Geheimdienst. Die Mutter ist eine der wichtigsten Agentinnen der Nachkriegszeit. Sie ist weltweit unterwegs. Ihre Kinder haben keine Ahnung davon. Sie werden nicht in einer Familie untergebracht. Als sie ihre Internate verlassen, kümmern sich Bekannte ihrer Eltern um sie. Schmuggler und Spieler.

Erst viele, viele Jahre später entdeckt der Erzähler, wer seine Mutter war, wer die Menschen waren, die ihn und seine Schwester attackierten. Eine Abenteuergeschichte, die nichts zu tun hat mit dem Leben des Lesers, die er vielleicht deshalb auf zwei Bahnfahrten hingerissen verschlang.

Michael Ondaatje erzählt auch von einem Jungen aus einer Dachdeckerfamilie, der als Kind von einer Bö vom Dach geweht wurde, später Freeclimber wird und nachts Londoner Häuserfassaden erklimmt. Auf diesen Ausflügen trifft er andere Kletterer über, unter, neben sich auf denselben Gebäuden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so klar gesehen zu haben, wie wir Menschen einander begegnen.

Wofür steht „Kriegslicht“ ?

Michael Ondaatje sucht Extremsituationen auf, um uns zu zeigen wie wir sind. In Wahrheit habe ich das Buch nicht verschlungen, weil es eine Abenteuergeschichte ist, sondern weil es meine Geschichte ist. Meine Eltern waren nicht im Geheimdienst. Sie haben keine Doppelleben geführt, keine Codenamen benutzt. Meine Mutter war – fast – immer da. Dennoch weiß ich nichts über sie. Wir wachsen alle wie Kuckuckseier auf. Alles ist fremd. Nichts das, was es scheint.

Langsam, ganz langsam erst erkennen wir unsere Umgebung und so dann vielleicht doch noch – mit beängstigender Verzögerung – uns selbst. Ondaatjes Erzähler kommt Jahre später erst dahinter, dass die Schmuggelfahrten seines „Betreuers“ die Strecke wiederholen, die er während des Krieges im Dienste des Vaterlandes Nitroglyzerin über die nächtliche Themse kutschierte. An einer Bevölkerung vorbei, die nicht wusste, in welcher Gefahr sie sich befand.

„Kriegslicht“ ist …read more

Source:: Berliner Zeitung – Kultur

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