KULTUR

Interview mit Luigi Reitani: „Ein Kommentar muss Fenster öffnen“

Im September läuft der Vertrag von Luigi Reitani aus. Der am 18. Juli 1959 im süditalienischen Foggia geborene Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Germanist wird dann nicht mehr der Direktor des Italienischen Kulturinstituts Berlin sein. Im Jahre 2001 erschien der erste Band seiner zweibändigen Hölderlin-Ausgabe: Hölderlins Lyrik in einer zweisprachigen Ausgabe. Die Übersetzungen ins Italienische stammen alle von Luigi Reitani. Vor ein paar Wochen erschien Band II der Werkausgabe mit Prosa, Theater und Briefen. Es ist die umfangreichste nicht-deutsche Hölderlin-Ausgabe. Ich sprach mit Reitani kurz vor seinem 60. Geburtstag in seinem Büro in der Hildebrandstraße. Wir mussten die Fenster schließen, weil Transporter der Bundeswehr Truppen zum Ehrenmal brachten.

In den italienischen Rezensionen dieses zweiten Bandes Ihrer Hölderlin-Ausgabe steht, es sei die best kommentierte überhaupt.

Es ist sicher die Ausgabe mit dem umfangreichsten Kommentar. Sie gibt auch den aktuellen Stand der Forschung wieder. Jochen Schmidts Ausgabe mit ihrem sehr guten Kommentar erschien im Deutschen Klassiker Verlag zwischen 1992 und 1994. Da ist inzwischen einiges dazugekommen. Mein Kommentar lebt davon, dass ich verschiedene Auffassungsmöglichkeiten benenne. Ein Kommentar ist für mich keine Interpretation. Ein Kommentar muss Fenster öffnen. Hölderlin nicht als „Grieche unter den Deutschen“, sondern als ein deutscher Zeitgenosse, der sich intensiv mit der Literatur, der Philosophie seiner Zeit beschäftigte.

Sie haben Werke und Briefe umdatiert. Zum Beispiel den kleinen Text „Urteil/ Sein“.

Friedrich Strack hatte schon gezeigt, dass Hölderlin ihn wohl auf das Vorsatzblatt von Schellings Artikel über „Philosophische Briefe über Dogmatismus und Kriticismus“ geschrieben hatte. Er entstand also, nachdem Schelling seine Auffassung bereits in „Vom Ich als Prinzip der Philosophie“ formuliert hatte. Wer Hölderlins Text aufmerksam liest, wird ihn als Kritik an Schellings Begriff von „intellektueller Anschauung“ verstehen. So muss man Hölderlins Position in der sehr verwickelten Frühgeschichte des deutschen Idealismus jetzt anders sehen. Hölderlins „Urteil/Sein“ steht nicht an seinem Anfang, sondern zwischen Schelling und Hegel.

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Source:: Berliner Zeitung – Kultur

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